Kindheit

Bereits als ich dreizehn war, begann ich zu ahnen, dass ich anders bin. Leider bedeutete dieses „anders“ für mich meistens schlechter, dummerweise aber mitunter auch VIEL besser als die Anderen. Mein Martyrium begann erkennbar genau an jenem Tag, als ich zum ersten Mal versuchte, ein Mädchen für mich zu gewinnen und dabei kläglich scheiterte. Seit diesem Tag wuchsen meine Selbstzweifel und meine Selbstwertgefühl schwand zusehends – bis exakt zu meinem 33. Geburtstag, als ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Job kündigte, und damit, wie ich jetzt weiss, begann, mein Leben neu zu gestalten.
Aber von vorne: schon bei meiner Geburt ging es richtig daneben. Der Arzt sah bei meiner Mutter keine Veranlassung zu einem Kaiserschnitt. Da aber die Geburt sehr lange dauerte, wurde ein spezieller Saugapparat an meinem Kopf befestigt, um unterstützend ziehen zu können. Weil dabei wohl zu große Kräfte auf mich einwirkten, wurde ich wegen eines Verdachtes auf Hirnhautentzündung nach zwei Tagen in ein weit entferntes Uni-Klinikum überwiesen, wo ich ALLEIN für zehn Tage zur Beobachtung blieb.
Man muß sich das einmal vorstellen. So etwas war damals in der DDR und vorher auch in Westdeutschland ein durchaus übliches Verfahren. Es gab weder in der Ärzteschaft noch bei vielen Eltern ein Verständnis dafür, was ein Neugeborenes zur guten Entwicklung benötigt, nämlich die Sicherheit, die ihm zu diesem Zeitpunkt nur die ständige Anwesenheit der Mutter geben kann.
Für mich war diese, wenn auch recht kurze Episode deshalb so tragisch, weil gerade meine Mutter danach überhaupt nicht dazu in der Lage war, mir dieses wichtige Gefühl der Sicherheit zu geben, und so das bereits entstandene Defizit auszugleichen. Sie selber ist nämlich neurotisch veranlagt und gerade einmal mehr recht als schlecht in der Lage, sich alleine durchzukämpfen. Ein kleines Wesen, wie ich es damals war, welches ihre ständige Aufmerksamkeit und Kraft verlangt, war einfach zu viel für sie. Jedenfalls erkläre ich mir so, warum ich ein, in dem Haus, in dem wir zu dieser Zeit lebten, berüchtigtes Schreikind wurde.
Das blieb ich solange, bis meine Schwester drei Jahre später geboren wurde und ich nicht lange danach wieder, dieses Mal wegen einer Mandel-OP, alleine ins Krankenhaus musste. Ich als Dreijähriger hatte das damals wohl so verstanden, dass meine Eltern mich wohl durch das neue Kind ersetzen würden, sollte ich auch weiterhin schreien. Meine Mutter wird Wege gefunden haben, dass ihrem kleinen Sohn, wenn auch unbewusst, zu übermitteln. Jedenfalls schließe ich das aus meinen Beobachtungen bei meiner Schwester, die natürlich meiner Mutter in vielem ähnelt, und die jetzt auch zwei kleine Töchter hat, die sie sehr stark, und manchmal zu stark mit ihrem eigenen Willen fordern.
Als ich dieses Mal aus dem Krankenhaus wiederkam, so wird die Geschichte in der Familie erzählt, war ich merklich ruhiger geworden, das Schreikind war verstummt. Später wurde ich dann häufig als für mein Alter sehr „vernünftig“ bezeichnet. Meine erste Klassenlehrerin meinte sogar, dass ich für ein Kind zu ernsthaft wäre, was man auch auf einigen alten Fotos erkennen kann.
Ansonsten sind die Erinnerungen an meine Kindheit emotional sehr blass, was daran liegen mag, dass Entspanntheit, und somit Wohlgefühl, fast nicht vorkamen. Genau genommen erinnere ich mich an zwei solche Situationen. Das erste Mal war ich bezeichnenderweise als vielleicht Vierjähriger mit meinem Vater alleine verreist. Das zweite Mal endete das selbst mich auflockernde familiäre Singen im Trabbi („Am Brunnen vor dem Tore“ und ähnliches) als ich die typische genervte Reaktion meiner Mutter darauf (sie sang natürlich nicht mit) registrierte.
An negativen Erinnerungen, die Gefühle beinhalten, stechen inbesondere zwei heraus, in der einen versuche ich Traurigkeit mit Tagträumen, und in der anderen eine regelrechte Panikattacke mit Zählen (von Hauseingängen) zu bewältigen.
Was Freundschaften zu anderen Kindern betrifft, lief es zum Glück halbwegs normal ab. Ich habe zwar im Nachhinein das Gefühl, dass mich Erlebnisse mit “Bullies”, von denen es damals nicht so viele gab, besonders verunsicherten. Aber das war (und ist es immer noch) natürlich normal, bei meinem geringen Selbstwertgefühl. Dieses war auch bedingt durch eine eingeschränkte Aggressivität, die sich auch schon als Kind zu zeigen begann, da ich es oft nicht wagte, meine eigene Stärke, zu der als junger “Teen” neben dem Intellekt auch schon durch Krafttraining gewachsene Muskeln zählten, zu meinem Vorteil einzusetzen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s