Ich – Quartalsberichte

Ich 35 Jahre, ich Ossi, ich Provinz.
Ich geboren und 2 Tage später allein ins Krankenhaus, ich das gleiche noch einmal 3 Jahre später, ich dann lieber Fresse gehalten.
Ich bisher eine richtige Freundin – 4 Monate, ich 3 mal Therapie – die erste mit 23, ich 4 verschiedene Antidepressiva.
Ich Zivi, ich eine Ausbildung, ich abgebrochenes Studium.
Ich 8 Jahre Neukölln, ich Zeitarbeiter, ich Schnauze voll.
Ich arbeitslos, ich krank, ich leckt mich doch alle mal.

Ich angespannt, ich allein, ich Gefühle nicht zeigen.
Ich stark, ich schwach, ich lass es drauf ankommen.

Ich Berlin, ich Afrika.

23.03.2011

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Die Katze beisst sich in den Schwanz. Ich will mich und mein Verhalten, die Reaktionen meiner Mitmenschen etc. etc. nicht mehr staendig beobachten und beobachte statt dessen, wie ich mich nicht zu beobachten versuche.
Es ist ein verdammter Automatismus, den ich heute morgen kurz nach fuenf Uhr bei meinem Spaziergang durch die Stadt sehr gut beobachten konnte. Je mehr Menschen mir, als das Leben langsam erwachte, begegneten, desto angespannter wurde ich.
Das fuer mich riesige Problem ist: ich muss gottverdammte Scheisse noch einmal nichts machen. Vollkommen egal, was ich mache, vollkommen egal, wie die Frage lautet, die Antwort ist immer: Is okay.

Jetzt koennte dieser Text eigentlich beendet sein. Alle Fragen sind beantwortet. Aber das darf, das kann nicht sein, denn fuehlen tue ich etwas ganz anderes. Fuehle tue ich: ist das richtig, kann man das so machen, waere es nicht besser, wenn ich…
Mit einem Wort: Nein, das kann nicht sein, dass ich in Ordnung bin. Das ist keine Logik, das ist Gesetz. Das wurde so entschieden und das wird jetzt so gemacht. Es geht nicht um mich, es geht darum, fuer die anderen (ANDERE im Speziellen) richtig zu sein.

Ende des Textes.
Frage: Ist er gut, kann man das so reinstellen.
Antwort: siehe oben

22.06.2011

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Ich 35 Jahre, ich Ossi, ich mittelgroße Stadt.

Ich geboren und 2 Tage später allein ins Krankenhaus, ich das gleiche noch einmal 3 Jahre später, ich dann lieber Fresse gehalten.

Ich bisher eine richtige Freundin – 4 Monate, ich 3 mal Therapie – erste mit 23, ich 4 verschiedene Antidepressiva.

Ich Zivi, ich eine Ausbildung, ich abgebrochenes Studium.

Ich 8 Jahre Neukölln, ich Zeitarbeiter, ich Schnauze voll.

Ich arbeitslos, ich krank, ich leckt mich doch alle mal.

Ich angespannt, ich allein, ich Gefühle nicht zeigen.

Ich stark, ich schwach, ich lass es drauf ankommen.

Ich Berlin, ich Afrika.

Ich habe mich zwei Mal in erhebliche Gefahr gebracht. Das erste Mal, bei meinem Unfall, hatte ich mir vorher voll Überzeugung gesagt, daß es für mich auch in Ordnung ist, allein zu sein. Das zweite Mal, als ich die Flasche in der Bar zerdepperte, hatte mich meine damalige Freundin allein gelassen.
Diese beiden stark selbstzerstörerischen Aktionen haben mir deutlich gezeigt, daß ich ein riesiges Problem damit habe, Einsamkeit auszuhalten. Erst gestern Nacht war ich schon wieder drauf und dran, mich bei anderen anzubiedern, um von ihnen anerkannt zu werden, weil ich aus meinem Zimmer heraus das Stimmengewirr in einer Bar hören konnte. Als ich dann da war, bin ich um die größten Schleimereien doch herumgekommen, aber so schnell werde ich dieses Verhalten nicht vollständig loswerden. Gerade hier in Afrika findet sich in solch einem Fall immer jemand, der versuchen wird, solche Menschen irgendwie auszunutzen, sei es auch nur, um mit einer Verarsche ein bischen Spass zu haben. Will man sich dagegen wehren, muß man dann schon wieder über seinen Schatten springen und die Meinung, die das Gegenüber sich von einem bilden könnte, einfach ignorieren.

14.10.2011

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Afrika scheint mich wirklich dauerhaft verändert zu haben. Ich habe die ständige Aggressionsvermeidung im Hause meiner Eltern zwar registriert, mich aber nicht mehr stark davon stören lassen.Auch jetzt, wo ich zu Besuch bei Freunden bin, bin ich lockerer. Heute, als Freunde der Frau meines Freundes kamen, die ich nicht sonderlich mochte, habe ich einfach ein Mittagsschläfchen gemacht ohne Gewissensbisse.
Trotzdem bin ich aber gerade etwas unruhig (ich schlafe sehr schlecht) und mache mir wieder viel mehr Gedanken als in Afrika. Zum Beispiel denke ich daran, wie es mit meiner tansanianischen Freundin weitergeht und wie es wohl sein wird, wenn ich im Frühling wieder beginne, nach einer Arbeit zu suchen.
Trotzdem bei beidem viele Fragen offen sind, bin ich mir aber sicher, mit den jeweiligen Entwicklungen umgehen zu können. Die Zwischenbilanz meiner Reise ist also erst einmal positiv.

31.12.2011

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Für mich wird’s langsam ernst jetzt. Meine Tage in Afrika sind fast rum und mit meiner grössten Schwäche, der Wutverdrängung bin ich nur theoretisch, aber nicht praktisch weitergekommen.
Ich weiß im Augenblick auch nicht, was ich dabei machen soll. Ich weiß nur, daß ich genau damit in Deutschland mit seiner kalten Konkurrenzkultur noch viel mehr Probleme haben werde. Darauf werde ich dann vielleicht mit der aggressiven Auflehnung reagieren, die ich mir hier in Afrika teilweise angewöhnt habe, die aber in Deutschland ganz andere Reaktionen hervorrufen wird.
Auch wenn das nicht wie eine intelligente Lösung erscheint, so wäre es doch wenigstens eine aktive Herangehensweise, mit der man nach einigem Bruch und Schaden dazulernen kann.

Die ersten Probleme werden schon auftauchen, wenn ich dem Arbeitsamt und danach dem Jobcenter (mir schwant Böses) meine Idee von der Jobsuche per Reise erzähle. Das hängt aber sehr vom jeweiligen Mitarbeiter dort ab. Vielleicht gerate ich ja auch an jemanden, dem mein ungewöhnlicher Ansatz eine willkommene Abwechslung von der dort oft nur verschleierten Resignation ist.

27.03.2012

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Endlich weiß ich, was ich in meinen Vierteljahresbericht schreiben kann. Es ist nicht leicht für mich in Deutschland – auch die Frage zu beantworten, wie es mir im Moment geht, fiel mir deshalb schwer.
Aber genau damit bin ich jetzt ein Stück weiter gekommen:

Schon in Afrika hatte ich das Gefühl, dass meine gesamte Reise nur vollständig wäre, wenn ich im Anschluss daran in Deutschland nicht wieder in mein altes Leben zurückkehre, welches mich ohnehin angekotzt hatte, sondern, wenn ich versuche, auch hier neue Wege zu gehen.
In Afrika habe ich gelernt, wie gut es tut, wenn der Mensch den Menschen Mensch sein läßt, und zwar mit allen, oft negativen, Konsequenzen. Auf den Strassen meiner Heimat beginne ich nun immer mehr zu verstehen, wie dumm wir uns hier in dieser Hinsicht gegenseitig behandeln.
Wenn meine Beobachtung mit der allgegenwärtigen Neigung zur Bewertung in Deutschland stimmt, so ist es auch kein Wunder, dass mir gerade DAS auffällt (und mich nervt) und auch, dass gerade MIR das auffällt (und MICH nervt). Die häufige Bewertung aller stört besonders den größten Bewerter – mich, weil ich davon soweiso schon eine Überdosis bekomme, und der größte Bewerter nervt alle anderen besonders schnell, weil Bewertung jeden nervt, und erst recht die Deutschen, die sowieso schon mehr davon abbekommen als andere.
Deshalb ist es jetzt auch nicht schlimm, dass bisher fast der einzige Unterschied meiner „Walz“ zu meiner vorherigen Reise darin besteht, dass ich in Deutschland arbeiten könnte, wenn sich eine gute Gelegenheit bietet. Wichtig ist erst einmal, dass ich weiterhin unterwegs bin und häufig neue Menschen treffe und in neue Situationen gerate, in denen ich gerade Erlerntes immer wieder neu ausprobieren kann.
Vielleicht finde ich so am Ende einen guten Weg, auch zwischen den im Vergleich zu den Afrikanern so gestressten Deutschen leben zu können.

12.07.2012

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Ich weiss nicht wirklich, was mit mir los ist oder wer ich überhaupt bin. Das ist aber weniger schlimm, da mein Problem ja darin besteht, dass ich mir zu viele Gedanken mache, um möglichst perfekt zu sein.
Dafür weiss ich aber im Moment ziemlich gut über die Dinge Bescheid bei denen es sich lohnt Bescheid zu wissen. Ich muss noch den ganzen Oktober bei meinen Eltern bleiben, weil ich mir den Finger gebrochen hab, weswegen ich also sowieso nicht arbeiten könnte. Auch das Jobcenter ist damit vorläufig ruhig gestellt und ich kann auch ein wenig Geld sparen für meinen Kölner Neuanfang.
Dort möchte ich vor allem möglichst einfach leben, um schnell Geld für meine nächste Reise zusammen zu bekommen, da Deutschland mir selbst beim Reisen zu spiessig, engstirnig, verkrampft und/oder neurotisch ist.
Selbst wenn ich hier eine nette Frau kennen lernen sollte, würde ich garantiert nicht den Hausmann spielen, nur, um nicht alleine zu sein. Das würde ich nur tun, wenn ich mit einer Frau auch Kinder hätte.
Meine Kenianerin, welche selbstverständlich Kinder will, scheint mir zu afrikanisch- unzuverlässig (eine email pro Monat, wen’s hochkommt), weswegen ich mir vorkomme, als sollte ich nur als Absicherung für ihren Aufenthalt hier fungieren. Trotzdem bin ich zu einsam, um sie abzuschiessen, was mich wütend macht, weil ich es nicht ändern kann.
Was meine „Macke“ angeht, muss ich mir leider immer mehr eingestehen, dass ich wohl mein Leben lang damit zu tun haben werde. Ich bin aber bereit, mich darauf einzustellen, was wohl auch bedeutet, dass ich trotz aller Anstrengungen ein sehr einsames Leben haben werde. Ich bin einfach nicht bereit, mich mit resignierten, pessimistischen, schlaffen Nervensägen abzugeben, obwohl mir für starke Persönlichkeiten das nötige Selbstbewußtsein fehlt.

30.09.2012

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Eine Entscheidung ist gefallen. Zwei Frauen, beide nicht mit übertriebenem Selbstwertgefühl ausgestattet, haben mich dazu bewogen, das Jahr 2013 für mich zum Jahr des Selbstmitleides zu machen, weil ich den fehlenden Respekt und die fehlende Zuneigung, die ich all die Jahre deswegen ertragen musste, nicht mehr länger hinnehmen will.
Mir schwante schon geraume Zeit, dass ich im Grunde all die Jahre zu viel darauf gewartet habe, dass etwas, irgendetwas mit mir passiert. Ich konnte meine Einstellung in diesem Punkt so schwer ändern, weil es für mich Tabu war, Probleme wirklich aktiv anzugehen, wahrscheinlich, weil diese Aktivierung im Kindesalter immer komplett von meiner Mutter abgestraft, also schlecht gemacht wurde, weswegen ich letztendlich versuchen musste, ohne auszukommen.
Meine Mutter handelte so, weil sie sich bei jeglicher Form von Selbstbehauptung eines anderen sofort zurückgesetzt fühlt, und hat so dafür gesorgt, dass ich diese Einstellung und die dazugehörige Selbstbemitleidung für mich übernommen habe. Mein Vater war auch keine Hilfe, wenn er bei einem Durchsetzungsversuch meinerseits mit Spott oder sogar bisweilen furchterregend aggressiv reagierte.
Bei den beiden Frauen handelt es sich im Übrigen um die Frau meines Freundes, dem ich zum Jahreswechsel beim Umzug half, und meine ehemalige, kenianische Freundin, welche ich durch meine selbstbemitleidende Art und die dazugehörende Strategie des reduzierten Kontaktes, damit sie nicht so viel davon mitbekommt, vergrault habe. Früher hätte ich beide für bescheuert erklärt und mich über das Unverständnis der Frauen und mein permanentes Unglück beklagt.

07.01.2013

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Es geht ganz entschieden abwärts mit mir, ABER: ich möchte nicht jammern, das bringt mich nicht weiter. Deswegen versuche ich jetzt einmal das positive an meiner Lage zu sehen.
Zuerst aber einmal die harten Fakten bzw. eigentlich der harte Fakt: ich versuche immer mehr, meine Wut, und mit ihr meinen Selbstbehauptungswillen, zu unterdrücken, und muss sogar aufpassen, dass ich nicht anfange mich zurückzuziehen, um Situationen, in denen ich wütend werden könnte, zu vermeiden.
Besonders beschissen fühle ich mich immer dann, wenn ich mich in der Interaktion mit anderen Menschen schwach gebe (bzw. schleime), weil die dann ganz schnell nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, und ich so immer einsamer werde. Dies wird auch nicht besser werden, wenn ich bald eine eigene Wohnung haben sollte, weil alle anderen mir dann noch besser aus dem Weg gehen können und ich noch weniger Gelegenheit habe, die Auseinandersetzung zu üben. Ich würde schon in eine WG ziehen, vor allem, wenn ich keine gute Wohnung finde, mache mir aber wenig Hoffnung, dass ich es schaffen könnte, einen guten Eindruck beim Kennenlernen zu hinterlassen mit meiner jetzigen Herangehensweise (s.o.).
Was ich tun kann, um aus diesem Tal wieder herauszukommen, ist etwas, was ich auf meiner Reise gelernt habe, nämlich immer weniger die Konsequenzen meiner Handlungen zu bedenken, weil dies bei mir, wenn überhaupt dann nur zu übervorsichtigem Vorgehen führt. Auch scheinen mir die Erkenntnisse, die ich durch eine unvorsichtigere Verhaltensweise gewinne, viel näher an der Realität, als ich sie durch all meine Grübelei je erreichen könnte.
Auf der positiven Seite steht weiterhin, dass ich Anfang Mai mit einer Reha beginnen kann bei einem Träger der auf psychisch Kranke spezialisiert ist. Ich habe eine kleine Hoffnung, dass die für mich wirklich eine Arbeit finden könnten, die mir mehr liegt als das, was ich bisher gemacht habe, denn mein erster Eindruck war, dass ich es dort mit kompetenten Leuten zu tun habe. Auf alle Fälle aber kann ich dort und in den verschiedenen Jobs, in die ich probeweise vermittelt werden soll, weiter üben, Auseinandersetzungen zu bestehen, und ich muss mich auch nicht in beschissenen Zeitarbeitsjobs verheizen lassen. Obendrein bekomme ich noch einen kleinen Zuschuss zum ALG II, weswegen ich auch finanziell erst einmal keine Sorgen haben werde.

07.04.2013

Eine Antwort zu Ich – Quartalsberichte

  1. caroritgen schreibt:

    Hey du, „Ossi, Provinz, Zivi, Berlin, Schnauze voll und Fresse gehalten“ – ich, Journalistin und Sprachrohr der Überspannten möchte dich zum sprechen bringen. „Von Antidepressiva bis Afrika“ – biste dabei? please contact me: ueberspannung.wordpress.com (ptbs-blog@gmx.de)

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