Konnte Afrika mir helfen? – letzter Versuch

Letzter Teil vom 6. Juli 2012:
Seit nun schon fast zwei Monaten will ich diesen Text schreiben, und ständig hält mich etwas davon ab. Mit den beiden ihm vorangegangenen war ich überhaupt nicht zufrieden und so hoffte ich nun, dass ich mit ein wenig Abstand besser dazu in der Lage wäre.
Das hätte wahrscheinlich auch funktioniert, aber dennoch hatte ich das Gefühl, es auch dieses Mal wieder nicht wie gewünscht hinzubekommen.
Erst eben ist mir dann aufgefallen, worin der Fehler auch dieses Mal wieder bestand: erneut wollte ich versuchen, mein geringes Selbstwertgefühl, wie ich das als Kind gelernt hatte, mit einer intellektuellen Leistung aufzubessern.
Das beweist wieder einmal, dass ich noch lange nicht dort angekommen bin, wo ich hin möchte, was ich wiederum sofort wieder vergessen sollte, um nicht der Versuchung zu erliegen, dafür jetzt eine Lösung finden zu wollen.

Aber da mir Afrika besonders in dem Punkt gutgetan hat, dass ich viel mehr meinem Gefühl vertraue als vorher, meine ich, dass es mir nicht schaden kann, wenn ich die für Deutschland gemachten Pläne auch weiterhin verfolge (meine „Walz“). Das tue ich aber, weil ich damit meinem Gefühl vertraue, und nicht wegen der „positiven“ Wirkung auf mich.

Eingestehen muss ich hier, dass ich gerade in diesem Bereich meines Blogs, immer wieder recht arrogant versucht habe, anderen zu „helfen“. Selbst allerdings hätte ich, als es mir noch viel schlechter ging, einen Scheißdreck auf gut gemeinte Ratschläge gegeben.
Irgendwann war das Maß mit meinem vorherigen Scheißleben einfach voll und ich habe, wenn auch unendlich langsam, einen Richtungswechsel vollzogen. Es begann damit, dass ich genau an meinem 33. Geburtstag meinen damaligen „Sklavenjob“ kündigte, und ging damit weiter, dass ich eineinhalb Jahre später mit Absicht mehr als gewöhnlich krank „machte“, damit der Arbeitsvertrag meines nächsten miesen Jobs nicht verlängert werden würde.
Dies mündete dann schließlich wundersamer Weise darin, dass ich meine alte Ärztin just an jenem Tag, als sie, obwohl sie schon in den Ruhestand gegangen war, noch einmal als Vertretung eingesprungen war, darum bat, mir ein anderes Medikament zu verschreiben. Ihre Tochter, die die Praxis von ihr übernommen hatte, hätte es wahrscheinlich, da sie mich ja noch gar nicht genug kannte, nicht gewagt, mir genau dieses zu verschreiben, da es anfangs zu leicht psychotischen Zuständen führen kann.
Als diese Phase allerdings vorbei war, beschleunigte dieses Medikament die Dinge in meinem Leben ganz gewaltig, denn bereits kurz darauf fasste ich den Entschluss für meine Reise nach Afrika, also genau dorthin, wo, gewisse Sicherheitsaspekte beachtend, die Unterschiede zu Deutschland maximal sein würden.

Im Nachhinein kann ich nun sagen, dass ich mir, als der Grübler, der ich ja immer noch bin, kein besseres Reiseziel hätte aussuchen können. Auch meine Anlaufphase in Osteuropa kann man insofern als positiv betrachten, als dass ich dadurch die praktischen Belange meiner Art des Reisens und das Sich-in-fremden-Kulturen-zurechtfinden schon kennengelernt hatte, und mich somit besser auf das spezifisch afrikanische in Afrika besser konzentrieren konnte.

Hiermit möchte ich nun möglichst meine „Belehrungen“ beenden, um dazu überzugehen, andere Menschen, wenn überhaupt, dann nur noch durch das Beispiel meines (immer noch steigenden) Gottvertrauens zu beeinflussen.

────────────────────────

Teil 2 – geschrieben am 04.01.2012 (leider kann ich es erst jetzt, im April, posten):
Ich habe in den letzten sieben Monaten Afrika bereist, weil ich wissen wollte, ob solch eine Reise in die vollkommene Fremde (ich war nie zuvor in Afrika) eine positive Auswirkung auf meine depressive Neurose haben kann.
Der Gedanke spukte schon länger in meinem Unterbewußtsein herum, es bedurfte aber eines Anstosses durch die vitalisierende Wirkung eines für mich neuen Antidepressivums, um daraus einen unumkehrbaren Entschluß werden zu lassen.
Ich habe mich oben schon zu den eher praktischen Aspekten meiner Erlebnisse geäußert, und möchte nun die hobbypsychologischen Gesichtspunkte etwas näher betrachten. Dazu werde ich einfach nacheinander ein paar meiner Probleme auflisten und dann die Art und Weise beschreiben, wie Afrika und seine Menschen meiner Meinung nach einen Einfluß darauf ausgeübt haben.
Ich habe, wie so viele andere, ein großes Problem mit einem geringen Selbstwertgefühl. Dagegen ist es natürlich hilfreich, wenn man etwas macht, was nicht alle machen, wie eben mit dem Rucksack und zumeist öffentlichen Verkehrsmitteln durch Afrika zu reisen. Dort kann man dann den menschlicheren Umgang der Afrikaner untereinander erleben, die einen anderen, seine Gefühle und Handlungen viel weniger bewerten als ein Europäer und somit auch in der Lage sind, ihm gegenüber mehr echte Empathie zu empfinden. Dies kann man auch als Europäer spüren und natürlich tut dies sehr gut, gerade, wenn man davon als Kind zu wenig bekommen hat. Es ist auch hilfreich, wenn man dazu neigt, sehr viel Bestätigung zu benötigen, bevor man sich traut, jemanden anzuquatschen, den man attraktiv findet. Da „Afrikaner“ ein unverkrampfteres Verhältnis zum Sex haben, wird es auch wesentlich leichter, gerade, da man als Weißer häufig als der reiche, attraktive Exot angesehen wird, sich damit die wohl größte (singuläre) Bestätigung des eigenen Wertes überhaupt abzuholen.
Auf der anderen Seite ist man aber als Weißer immer wieder genötigt, sich gegen Vereinnahmung zur Wehr zu setzen, denn viele Afrikaner haben eine sehr elegante Art, jemandem zu schmeicheln, womit sie versuchen, persönliche Vorteile zu erlangen (Geld, Job etc.). In diesem Fall kann Afrika als Übungsfeld dienen, denn man kann selbstverständlich nicht jedem armen Afrikaner Geld geben, mal davon abgesehen, daß das an der Armut dort in den meisten Fällen auch nicht viel ändern würde.
Da solch ungewünschte Vereinnahmung sich an gewissen Tagen häufen kann, kann es durchaus passieren, daß sie einen im Laufe der Zeit sehr ungehalten werden läßt. Auch mit diesem Punkt, nämlich seine Wut zu erkennen und geeignete Wege zu finden, sie den anderen zu zeigen, habe bzw. hatte ich große Probleme. So lange, wie man davon absieht Dinge kaputt zu machen (siehe dazu hier) und erst recht, Menschen zu verletzen, bietet Afrika auch hierbei viel Gelegenheit zum Sich-Ausprobieren. Beim Erkennen von aufkommendem Ärger hilft die relaxte Art „der“ Afrikaner, wenn man sich ein wenig von ihr anstecken läßt, und zwar in der Form, daß man sich selber weniger Gedanken macht, mit denen ansonsten „verbotene“ Gefühle verdeckt werden könnten. Beim verbalen Ausdruck von Wut kommt es einem zugute, daß „Afrikaner“ bei jemandem der in lautem oder gar schreiendem Ton Leute beschuldigt, im Höchstfall lachen oder mit den Achseln zucken, denn dort wird „immer“ davon ausgegangen, daß Fehler menschlich sind, auch wenn der „Fehler“ mit Absicht geschah. Ich habe dadurch zuerst ein wenig meine Hemmungen verloren, auch mal laut zu werden, wenn mir etwas nicht passt, und im Laufe der Zeit sogar ein bisschen gelernt, meinen Unmut ruhig auszudrücken, da man ja anders in Afrika nicht zu seinem Ziel gelangt.

Hat man also, wie hier beschrieben, weniger psychische Probleme, und addiert man dazu die offene Art mit der viele Afrikaner auf einen Weißen zugehen, führt das bei einem ehemaligen, selbstgewählten Eremiten wie mir zu einem deutlichen Mehr an sozialen Kontakten. Da ich so ein größeres Polster an Bestätigung durch andere erhielt, und zudem oft Menschen, die mich nervten, loswerden mußte, führte das auch dazu, dass ich mir  nicht mehr die Schuld an meinem oft starken Gefühl der Einsamkeit gab, sie akzeptieren konnte und mich nicht mehr selber abwertete, weil ich mich einsam fühlte. Vielmehr konnte ich auch akzeptieren, dass es für mich scheinbar schwerer ist, die Abgrenzung der anderen Menschen zu überwinden, um zum Beispiel neue Freunde kennenzulernen. Wahrscheinlich ist meine eigene abgrenzende Schutzfunktion noch zu stark ausgeprägt um hierbei größere Erfolge zu erzielen.
Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass, wie sehr diese Erfahrungen im Alltag in Deutschland auch dahinschwinden werden, sie mir doch immer auch einen gewissen Halt geben werden. Schon in den Jahren zuvor hatte ich nämlich ähnliches erlebt nach einem siebenmonatigem Praktikum in den USA.
Da die jetzige Reise eine noch stärkere Wirkung als dieser damalige Aufenthalt auf mich hatte, da ich ja, mit Osteuropa zusammengenommen, sieben Monate Zeit hatte, fast nur das zu tun, wonach mir gerade der Sinn stand, rechne ich auch mit einem größeren bleibenden Effekt, der über das bloße Krafttanken in schwierigen Situationen hinaus geht.

Ich hoffe selbstverständlich, dass ich mit diesem Beitrag ein paar mehr Menschen zum Lesen meines Blogs animieren kann, denn in nicht einmal zwei Wochen werde ich wieder zurück nach Afrika fliegen. Dann wird es wieder neue Entwicklungen geben, und darüber zu lesen könnte für Leidensgenossen in ähnlichen Schwierigkeiten durchaus hilfreich sein, denn gerade die depressive Neurose oder Dysthymie wird im Internet immer noch wenig thematisiert.
Falls ich Euch nicht dazu bewegen konnte, wünsche ich Euch an dieser Stelle trotzdem alles Gute.

 ────────────────────────

Teil 1 vom 27.11.2011:
Ich habe Afrika, wie auch Osteuropa, versucht, ohne viel Geld zu bereisen. Natürlich war und bin ich so viel näher an der Realität der afrikanischen Menschen dran als jemand, der mit seinem Landrover oder Reisebus von Nationalpark zu Nationalpark und auch mal, uijui, auf einen afrikanischen Markt gekutscht wird. Probleme, wie Stromausfall, fehlendes Wasser, lange Wartezeiten oder Planänderungen habe ich so natürlich viel häufiger und direkter erfahren, außerdem die Reaktionen der „echten“ Afrikaner darauf erlebt und nicht die von in dieser Hinsicht gut ausgebildeten Hotelangestellten.
Als Weißer wie ich einer bin, also im besten „Mannesalter“ und mit sauberen Klamotten, wurde ich oft bevorzugt behandelt, sowohl von Frauen als auch Männern. Selbst angehende Politiker und gestandene Hotelbesitzer wollten meine Freunde sein. Dies kann natürlich auch ins negative gesteigert werden, wenn man nur noch als wandelnde Geldquelle angesehen wird, die nicht nur um ein paar Euro, sondern um einen Job oder gar ein Investment angebettelt wird, und zudem für vieles jedenfalls anfangs viel mehr bezahlen muß. In diesem Punkt kann man „einem Afrikaner“ erzählen, was man will, am Ende wird er immer noch glauben, daß man mehr kann und mehr hat, als er selber, oder er tut einfach so, um im Fall des Falles seinen Vorteil daraus ziehen zu können.
Bewirkt wird das auch durch fehlende Bildung, die wiederum aus meiner Sicht auch ihre kulturellen Gründe hat, da wohl die meisten Afrikaner ihre Kinder nicht schlechter behandelt wissen wollen, als sich selber (obwohl ich auch sadistischen Umgang mit Kindern erlebt habe). Und sich selber und andere behandeln Afrikaner ausgesprochen „sanft“. Westliche Kinder hingegen lernen sehr früh, daß für Liebe auch etwas „geleistet“ werden muß, was natürlich auch gute Leistungen in der Schule sein können.
Allgemein ist Kritik, Beschwerde etc. wie wir sie aus Europa kennen hier weitestgehend ein Tabu. Wer sich beschwert oder gar laut rummeckert, kommt nicht weit. Man muß stets Geduld beweisen, denn das Gegenüber verfolgt ja keine schlechten Absichten und seine gemachten Fehler sind nur menschlich. Drängt man auf Verbesserung, wird man nicht verstanden, denn aus Kritik, die in „mir“ ein schlechtes Gefühl auslöst, kann keine Verbesserung entstehen.
Darum ist auch die Anpassungsfähigkeit der „Afrikaner“ enorm. Das einzige Mal, daß mehrere Afrikaner ihre Ungeduld ausdrückten, erlebte ich, als Fahrer und Schaffner geschlagene zwei Stunden brauchten, um den Anhänger ihres Busses zu beladen. Niemand aber würde so eine Gelegenheit benutzen, um seinen eigenen Frust abzuladen. Dieser scheint so überhaupt nicht vorhanden zu sein, was wahrscheinlich auch einen Grund im Herumtragen der Kinder im Tuch auf dem Rücken (oder bei Babys auch mal direkt vor der nackten, zum nuckeln bereiten Brust) hat, was bis auf Namibia überall ausschließlich geschah.
So erlangt „der Afrikaner“ ein gehöriges Maß an Selbstsicherheit, was man an den „coolen Typen“, der verrückten Kleidung (die sich kein Europäer zu tragen wagen würde) und auch am Verhältnis zum Körper beobachten kann. Ich habe hier keine Menschen gesehen, die ihren Kopf einziehen, um weniger gesehen zu werden. Niemand scheint einen anderen wegen seiner Körpermerkmale schlechter zu behandeln.
Das heißt natürlich nicht, daß jeder jeden liebt. Vielmehr hat „der Afrikaner“ überhaupt kein Problem damit, seinen eigenen Vorteil zu suchen. Dies ist vollkommen normal und anerkannt. Dazu zählen das Lügen um einen besseren Preis zu bekommen, (wer eben noch dein Freund war, tut es ohne zu Zögern, wenn es ums Verkaufen geht), aber auch das Suchen nach einem möglichst finanzkräftigen Lebenspartner. Deswegen werden die Frauen auch unterstützt, und nicht etwa verachtet, wenn sie versuchen, sich einen Weißen zu krallen.
Wenn man erst einmal gelernt hat, sich gegen allzu dreiste Inanspruchnahme des afrikanischen Gegenübers zu wehren, und die nötige Geduld entwickelt hat, kann man es als Weißer in Afrika sehr gut aushalten. Die Vorteile liegen auf der Hand: man wird geachtet, bevorzugt behandelt, viele reißen sich geradezu um deine Bekanntschaft.
Für mich bedeutete dies, daß ich mich mehr angenommen fühlte (wobei mein Medikament auch eine Rolle spielte), ich selbstsicherer war und viel Neues ausprobieren und neue Gedanken zu denken wagen konnte. Auf der negativen Seite, wenn ich mit meinem Medikament ausgesetzt hatte, gibt es kaum ein Ventil um Aggressionen auf eine anerkannte Weise unter Menschen herauszulassen, sieht man einmal von der sehr sublimierten Form der Überlegenheitsdemonstration durch zur Schau gestellte Gelassenheit ab. Hier kann man aber den „Afrikaner“ getrost einmal Afrikaner sein lassen und, so lange man körperliche Gewalt außen vor läßt, auch mal so richtig vom Leder ziehen. Der Effekt ist einfach, daß man als verrückter Mzungu angesehen wird, und ein paar Empfindliche einen danach meiden. Für andere, so hatte ich manchmal das Gefühl, macht man sich dadurch nur noch interessanter.
Zusammenfassend möchte ich sagen, daß Afrika für jemanden wie mich, der sich im Zusammenleben mit anderen Menschen immer noch ausprobieren muß, ein sehr gutes Übungsfeld ist. Vielleicht kann man nach einer ausreichend langen Erprobung der eigenen Persönlichkeit hier, auch in Deutschland mehr wagen. Der ausdauernde Leser wird eine Antwort darauf bekommen…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s