2013-03-22 – Deutschlandblues

1:00 Uhr: ich komme in die Firma und soll eine andere Tour machen. Ich sage ja, mache ich, gehe raus und mir fällt auf, dass es mich eigentlich wurmt, heute, beim vielleicht letzten Einsatz, noch einmal etwas anderes machen zu müssen. Also gehe ich wieder rein und frage noch einmal nach, aber der Typ kann mir nicht richtig erklären, wieso überhaupt gewechselt werden muss. In meinem Kopf schwirren wirre Ideen von Ausnutzung meiner Schwachheit herum und deshalb will ich jetzt unbedingt eine Erklärung.
Der Einsatzleiter kann´s mir aber erklären und es stellt sich heraus, dass ich sogar fahren darf und die Tour auch noch viel lockerer ist als meine Stammtour als Beifahrer. Ich hatte nur einmal wieder Verrat gewittert und beweisen wollen, dass man so etwas nicht mit mir machen kann, weil ich mir damit eben nicht sicher bin und es immer noch bzw. jetzt schon wieder beweisen muss. Hinzu kommt, dass ich über mich selbst ärgerte, weil die Wut über den Wechsel beim ersten Mal zwar ganz leise vernommen, aber gleich wieder weggedrückt hatte.

4:30 Uhr: bei der Anfahrt an eine Ampel mache ich „lustige Geräusche“. Meine Männlichkeit schrumpft gewaltig in den Augen meines jungen Kollegen.

17:30 Uhr: nach dem Aufstehen am Mittag fühlte ich mich schon die ganze Zeit angespannt und unsicher. Jetzt hab ich gleich wieder geschleimt, als mein Mitbewohner mit einer Interessentin fürs Zimmer reinkam. Also ich hab dämlich gegrinst.

Deutschland scheint mich zu schaffen. Das Selbstwertgefühl, das durch die Erlebnisse auf der Reise, die bestandenen Herausforderungen und die Anerkennung durch die unterwegs getroffenen Menschen gewachsen war, schrumpft hier immer mehr. Das liegt wohl zum einen an der langen Zeit, die ich mit meiner neurotisch-depressiven Familie verbracht habe, aber auch daran, dass in Deutschland die Distanz der Menschen untereinander so groß ist, dass man den anderen oft nur dazu benutzt, um an ihm zu messen, wie gut man gerade steht in dem Kampf, in dem Werte jenseits von Materiellem und Macht sehr wenig bedeuten. Beziehungen dienen hier oftmals nur dazu, Verbündete für diesen Kampf zu gewinnen.
In diesem Klima ist es für mich nahezu unmöglich, Menschen zu finden, die meine große Unsicherheit auf Dauer ertragen. Meine Mitbewohner hier tun sich jedenfalls schwer damit.

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