Ein Krüppel möchte kämpfen

„So, wie Du es machst, macht man Kinder fertig.“, dieser Satz müsste heute eigentlich fallen, nachdem es in der Auseinandersetzung gestern erst einmal wieder nur darum ging, dass man sich überhaupt mit meiner Mutter streiten darf.
Ich habe nicht mehr überlegt, habe nicht geplant, blieb sogar ruhig, als sie meine Nichte bei Schreibübungen mit ihrer Pedanterie quälte. Am Ende bin ich dann doch in zwei Sekunden auf hundertachtzig gewesen, als sie wieder einmal dabei war, ihren eigenen Stress auch auf die Kleine zu übertragen, indem sie sie ständig meinte, zurechtweisen zu müssen.
Dabei sind selbstverständlich auch ganz alte Verletzungen wieder hervorgekramt worden. Allerdings handelte es sich dabei um Beschimpfungen, die ich meiner Mutter dereinst vor Jahren (per Brief, anders traute ich mich nicht) an den Kopf geworfen hatte. Damals war ich auf einem richtigen Scheißtrip, weil ich auf Teufel komm raus versuchte, endlich diese Scheißwut loszuwerden. Gestern hab ich mich dafür bei meiner Mutter entschuldigt.
Allerdings hab ich ihr auch an den Kopf geknallt, dass sie versucht, sich bei meiner Nichte einzuschleimen, was zwar die Wahrheit ist, aber auch nicht gesagt werden soll. Wenn sie versucht, Schwächere zu instrumentalisieren oder sonstwie zu schädigen, so regt mich das auf. Deswegen kann und werde ich dann auch nicht meine Klappe halten, so wie „lieb Mütterlein“ es gerne möchte, und sie wird sich in solchen Beziehungen ändern müssen, oder sie muss mich hier rausschmeissen.
Ich befinde mich für Auseinandersetzungen wie diese allerdings in einer denkbar ungünstigen Situation, denn gestern Nacht musste ich erneut feststellen, wie wenig ich immer noch meine aggressiven Triebe, der Ausdruck entstammt dem Buch, das ich gerade lese, zulassen kann. Mitscherlich, der Autor, schrieb nämlich von Unlustsäußerungen des Babys mittels Schreien und, sinngemäß, unkoordinierten Bewegungen. Gemeint sind damit im Bett strampeln und sich umherwerfen. Genau das tat ich letzte Nacht und musste feststellen, wie sehr es mich entspannte, da ich es nicht als etwas Schlechtes verurteilte, sondern zulassen konnte. Als ich dann aber davon Kopfschmerzen bekam, konnte ich nur noch die Muskeln anspannen und eine Art Tai Chi daraus machen, aber selbst das ist ein Verhalten, das man bei gestressten Babys beobachten kann: sie verkrampfen.
Ich bin also jetzt, mit sechsunddreizig, endlich ganz am Anfang angekommen mit dem Verständnis meiner Probleme, denn mir war natürlich sofort klar, dass meine Mutter mit solchen Unmutsäußerungen von mir damals, als ich wirklich ein Baby war, nicht umgehen konnte. So konnte ich diese nie als etwas Natürliches, zu mir gehörendes erleben, und sie nicht in meinen Charakter, mein Selbst integrieren. Vielmehr war ich gezwungen, meine Aggressionen mein ganzes Leben lang von mir abzuspalten, weswegen sie die gesamte Zeit im Untergrund Unruhe stifteten, weil sie natürlich dennoch gehört werden und heraus wollten.
Dadurch fühlt es sich für mich, wenn ich wütend bin, meistens an, als würde etwas in mir nicht richtig laufen, als gäbe es etwas in mir, das gar nicht zu mir gehört. Ich kämpfe also dann nicht nur gegen das, was mich wütend macht, sondern auch gegen einen Teil von mir, den ich nie gelernt habe, als solchen zu akzeptieren. Das auf diese Weise kein souveräner Umgang mit den eigenen Aggressionen entstehen kann, liegt auf der Hand.

Nun, um kurz vor sieben am Morgen, bin ich müde, denn so sehr entspannen konnte ich mich letzte Nacht dann doch nicht. Am Ende nämlich fühlte sich meine Wut, genau wie im Augenblick auch, schon wieder wie etwas Fremdes an, weswegen ich wieder begann, gegen mich selbst anzugehen, indem ich die Wut mit der Entspannungs-„Tai Chi“-Methode „wegbekommen“, aus mir entfernen wollte.
Sehr viel weiter scheine ich also trotz allem nicht gekommen zu sein, und meine Mutter wird gleich wieder, denn sie steht gerade auf, damit anfangen, meine Nichte zu gängeln und damit klein zu machen.

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