Provokateur – mit Spass dabei

Es ist einfach nichts los in der Provinz, da ich hier auch keine Freunde habe. Deswegen war ich am Freitag in der örtlichen Disco, vielmehr in einem Tanzlokal und in einer Disco, denn Club ist einfach nicht der richtige Ausdruck dafür. Meine Erlebnisse dort lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Weiber, die in der Gruppe über den einzeln tanzenden Typen – mich – ablästern; Typen, die meinen, dass selbst die Tanzfläche dazu benutzt werden muss, um ihre Aggressionen unter die Leute zu bringen, weil sie sich solange neben oder hinter einem aufbauen, bis man zur Seite getanzt ist, anstatt sich einfach, wie jeder andere, einen Weg durch die Menge zu suchen; junge Mädels, die mich verkrampft anstarren, weil sie mein Getanze wahrscheinlich mochten, sich aber wohl nie trauen würden, das auch wirklich zu zeigen, weil ich zu alt bin oder zu unkonventionell oder etwas anderes; und zu guter letzt eine Barfrau, die schon deswegen so beleidigt und gestresst war, weil ich ihr meine Bestellung außer der Reihe, die mir in dem Augenblick noch nicht bewußt war, hineinrief, dass sie es für nötig erachtete, meine Whisky-Colas mit so wenig Whisky zu machen, dass dieser kaum zu schmecken war.
Alles in allem kann man also sagen, dass „die Deutschen“ selbst an einem Freitagabend in der Disco versuchen, schlechte Laune zu verbreiten, oder zumindest nicht genügend Mut aufbringen, für wirklich ausgelassenen Spass, wohl wieder aus Angst, vor dem Urteil der anderen.
Ich habe jedenfalls versucht, mich trotzdem zu amüsieren, was mir angesichts der Umstände auch ganz gut gelungen ist. Schon am nächsten Tag hatte ich Lust, wieder hinzufahren, vor allem wegen meines angestauten Sexualtriebes, habe den Abend dann aber doch mit Youtubevideos zur Krise des Kapitalismus verbracht, was erstaunlicherweise wegen der von Andreas Popp vorgetragenen Einschätzung der Gründe für die Finanzkrise ziemlich spannend war.
Das Gehörte hat mich zumindest so stark beeindruckt, dass ich für mich auch einen ganz praktischen Schluß daraus gezogen habe: sollte das Jobcenter mich irgendwann zu stark unter Druck setzen, irgendeine Arbeit aufzunehmen, könnte es durchaus sein, dass ich gezwungen wäre, für eine Zeitarbeitsfirma zu arbeiten. Da ich diese aber immer mehr als eine Vorform der Sklaverei betrachte, würde ich den Job zwar antreten, dann aber versuchen, möglichst unproduktiv zu sein, ohne dass mir das Geld gekürzt wird, und auch die anderen Arbeiter entweder aufzuwiegeln oder zu provozieren, je nachdem, wie sie auf mich reagieren. Ich finde es nämlich nicht richtig, zu versuchen, die Leute nur über den Verstand zu erreichen. Außerdem macht es mir keinen Spass und ich würde deswegen auch hierbei versuchen, einen kleinen Kick zu verspüren.
Ich weiß, das viele Leute so etwas überhaupt nicht mögen, bei denen soll alles möglichst immer schön im Rahmen des Gewohnten bleiben. Auch ist mir klar, dass es für mich so durchaus brenzlig werden kann, denn gerade körperlich starke Typen könnte mir deswegen durchaus Schwierigkeiten bereiten. Ich glaube aber dennoch, dass gerade in Deutschland ein wenig Provokation vielleicht sogar notwendig ist, um wenigstens ein paar mehr Menschen zu erreichen. Geht man kein Risiko ein, so habe ich das Gefühl, denkt „der Deutsche“ zuallererst daran, welche Vorteile man sich selbst durch sein Verhalten verschaffen will. Ich aber werde lieber als der Verrückte, denn als der Manipulierende angesehen.

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