Bewerte… MEINEN ARSCH!!!

SOOOO, jetzt sitze ich wieder bei meinen Eltern vor meinem Rechner, denn morgen muss Hartz IV beantragt werden.
Kaum bin ich angekommen, fühle ich mich auch schon depressiv und könnte Schokolade in mich reinstopfen, was ich dummerweise auch tue. Dabei wollte ich einen schönen zusammenfassenden Text über die Wochen meiner Reise in Mitteldeutschland schreiben, der natürlich spritzig im Ton meine neuesten genialen „Erkenntnisse“ verkünden sollte. Angefangen hatte ich ihn schon, war aber noch nicht zufrieden, da ich sehr viele Zusammenhänge schildern wollte, wodurch es schwierig wurde es kurz und verständlich hinzubekommen.

Ich werde es jetzt also einmal umständlich versuchen:
Im Grunde geht es darum, dass mir aufgefallen ist, wie die Deutschen dazu neigen, andere Menschen zu bewerten, was bedeutet, dass sie ihre Einstellung zu anderen zu stark auf den Verstand gründen und nicht auf der reinen Sympathie.
Dies beginnt mit den Belehrungen und Ermahnungen, die viele als Kind über sich ergehen lassen müssen, mit denen ihnen oft vermittelt wird, dass sie dass Gesagte eigentlich schon wissen müssten oder aber wenigstens schnellstens lernen sollten. Diese gründen sich einerseits aus der Angst der Eltern, ihrem Kind könnte etwas passieren und sie würden dann von anderen dafür verantwortlich gemacht, andererseits sind viele dazu verleitet, wenigstens bei einem kleinen Kind einmal der Mächtigere und Stärkere sein zu wollen, da sie dem Verlangen dazu ansonsten zu selten nachgeben dürfen. Gerade dies führt natürlich bei den Kindern zu einer starken Aversion dagegen, weshalb sie versuchen, so schnell wie möglich nicht mehr das „dumme“ Kind zu sein. Sie lernen aber auch, dass der Stärkere, selbst in einer so engen Beziehung, wie der vom Kind zu seinen Eltern, seine Stärke gern durch Bewertungen – das Kind ist ja „schlecht“, weil es die ihm angetragenen „Tipps“ ja eigentlich schon wissen müsste – zur Schau stellt.
Da natürlich niemand gerne der Schwächere ist, wird dies so zu einem allgemeinen Muster in der Beziehung der Menschen untereinander. Weil es ständig jemanden gibt, der anders ist als „Ich“, und alle gelernt haben, ständig andere zu bewerten, kommt es natürlich oft zu Abwertungen gegenüber anderen, denn man will natürlich die Position des Stärkeren behalten.
Hierin kann man einen Grund sehen, weshalb Augenkontakt in Deutschland, wenn nicht vermieden, so doch oft nur flüchtig erfolgt: man will vom Fremden nicht abgewertet werden, aber selber auch nicht den anderen abwerten, weil man ja aus eigener Erfahrung weiß, wie unangenehm dies ist.
In den Beziehungen, besonders in der Arbeitswelt, machen wir uns also das Leben schwer mit unseren gegenseitigen Bewertungen, und zusätzlich erschweren sie es auch noch, neue Beziehungen aufzubauen. Deshalb liebt der „Deutsche“ auch seine Vereine, denn hier trifft er auf Menschen mit einer hohen Übereinstimmung in vielen Dingen, was eine Abwertung unnötig macht. Auch ist dies ein Grund, warum es lange Zeit viel weniger Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Deutschen verschiedener sozialer Schichten gab als in anderen Nationen, und weshalb viele es an schlauen Sprüchen gegenüber den Griechen nicht mangeln lassen.

Bei mir hat dieses System in Form meiner Mutter, die, besonders ängstlich und besonders verkopft, einen Extremfall darstellt, besonders stark zugeschlagen. Dadurch konnte ich, so sehr ich mich als Kind auch anstrengte, alles richtig zu machen, damit nie Erfolg haben, woraus ich scheinbar den Schluß für mich zog, Bewertungen ganz allgemein abzulehnen. Das führte dazu, dass ich einigen sehr sympathisch war, weil sie bei mir endlich einmal Ruhe davor hatten, bei anderen aber als Schwächling galt, weil ich mich nie hervortun wollte, selbst wenn ich in etwas zu den Besten gehörte.
In den letzten Tagen ist mir aufgefallen, wie sehr ich das Gefühl, von anderen bewertet zu werden, verdränge. Ich spüre regelrecht eine Blockade im Kopf, bin gehemmt und verkrampfe. Sobald ich mir dies allerdings bewusst mache, wird es besser.
Nimmt man beide Dinge zusammen: die Bewertungswut der Deutschen und meine eigene Unfähigkeit damit klarzukommen, wird klar, warum ich soviele Probleme in meinem Leben haben musste, und auch, warum ich mich im Ausland immer besser gefühlt habe, und zwar sobald ich die Grenze passiert hatte.
Allerdings werde ich nun wegen dieser Erkenntnis nicht sofort besser arbeiten können, denn dort benötige ich meine Konzentration natürlich für ganz andere Sachen, als mein eigenes Befinden.
Ich fände es mittlerweile auch totlangweilig, würde aus mir von einem Tag auf den anderen ein Durchschnittsbürger.

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