Lernen vom „Buschmann“

Ich schiebe es schon seit Tagen vor mir her. Ich will etwas schreiben, finde aber keinen Anfang. Dabei ist soviel passiert, was berichtenswert wäre.
Inzwischen bin ich in Kenia und die Unterschiede sind frappierend. Ganz sicher werde ich hier mein Kiswahili schnell wieder verlernen, denn alle sprechen Englisch mit mir, selbst, wenn ich sie auf Kiswahili anspreche. Die Frauen scheinen hier viel selbstbewußter zu sein, sie sind zwar auch sehr an Mzungus interessiert, wollen einen, im Gegensatz zu vielen tansanianischen Exemplaren, aber erst einmal kennenlernen.
Von meinen letzten Tagen in Tansania hatte ich ja schon ein wenig berichtet. Der allerletzte Tag gestaltete sich aber noch einmal spezieller, denn zum einen bin ich an einen ganz besonders gerissenen Betrüger, der Marke distinguierter, älterer Herr, geraten, worüber ich natürlich entsprechend wütend war, zum anderen war ich wegen der Lage meines Guesthouses geradezu dazu gezwungen, abends auszugehen, und das sollte sich dieses Mal besonders lohnen. Ich habe mich zwar erst um halb zwölf aufraffen können, habe aber zum Glück trotzdem nicht den besten Teil des Abends verpasst, der aus einem Auftritt mehrerer tansanianischer Tänzern bestand, die sich gegenseitig zu vollkommen abgedrehten Einlagen animierten. Auch mich machten sie richtig hippelig und als sie fertig waren, konnte ich selber loslegen, drehte aber für meine derzeitige Kondition viel zu sehr auf, so daß ich trotz Anfeuerung nicht lange durchhielt.

Am nächsten Abend, dem Sonnabend, schon in Kenia, hatte ich wieder den gleichen Fall, nämlich daß mein Guesthouse, welches passend zu den vielen dort unterkommenden jungen Paaren „The Young Fathers“ hieß, relativ nah an der Partymeile lag. Somit mußte ich wieder losziehen, und auch dieses Mal hatte ich einen netten Abend, mit der Ausnahme, daß ich einer „Pussy“ einen Drink spendierte, nur um herauszufinden, daß sie es nicht wert war, was aber zum Glück nicht lange dauerte.
An diesem Abend hatte ich auch einen ganz besonderen Erfolg zu verzeichnen, denn ich konnte einen Besoffenen, der mir und zwei Ladys, mit denen ich mich unterhielt, vorwarf, daß wir nichts trinken würden, mit einer entsprechend aggressiv vorgetragenen Argumentation zum Gehen bewegen.

Dies war mir nur möglich, weil mir klargeworden war, daß mein Frust, mein Schleimen und mein In-mich-Zusammenfallen, wenn eigentlich Verteidigung angesagt ist, nur falsch erlernte Verhaltensweisen darstellen, mit denen ich immer automatisch reagiert habe, wenn mich etwas ärgerte oder ich mich durchsetzen wollte. Aus dem Frust wurde dann später ein übersteigertes Sich-wehren-wollen, welches aber auch nicht erfolgreich war, weil das Urproblem, nämlich das Nichtanerkennen und -bejahen der eigenen Aggressivität, dadurch nicht abgestellt, sondern noch verstärkt wurde.
Sogesehen kann man bei Frustreaktionen, bis hin zum Amoklauf, gar nicht wirklich von Aggression sprechen, solange man damit die Emotion meint und nicht die Handlung, denn zu dieser Überreaktion kommt es ja gerade, weil die eigene Aggressivität so stark unterdrückt ist. Eine solche Handlung hat dann ja auch häufig negative Auswirkungen auf das Individuum, was dem biologischen Grund für diesen aktivierenden Impuls widerspricht, der uns in die Lage versetzen soll, Probleme offensiv anzugehen.
Ich glaube, der Grund, warum die Afrikaner so oft lachen, wenn man sich ärgert, ist, daß sie dies instinktiv verstehen. Eine andere Auswirkung ihrer grundlegenden Wertschätzung gesunden, aggressiven Verhaltens ist auch ihr Umgang mit Übervorteilungsversuchen, beziehungsweise ihre, oftmals zu beobachtende Geringschätzung für jene, die einen Dummkopf (jemanden, der sich nicht auskennt) nicht für den eigenen Vorteil ausnutzen, und ihr Unverständnis, wenn sich der „Dummkopf“ aufregt, wenn er bemerkt, daß er ausgenommen werden soll.

Ich glaube, daß ich nur zu dieser Einsicht kommen konnte, weil die Tansanier, und vorher die Sambier und andere Afrikaner, selbst meinen deutschen Frust noch mehr akzeptiert haben als meine eigenen Landsleute, für die ein frustriertes Gesicht einfach nur asozial ist, obwohl so viele in Deutschland mit einem herumlaufen.
Dadurch, daß auch diese Seite von mir angenommen wurde, konnte ich mich trauen, sie zuzulassen, in Teilen auszuleben und aus den gemachten Fehlern zu lernen.

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