Der Berg ruft

Ich sitze gerade im Zug durch die Karpaten, die Sonne scheint, aber man kann nicht gut gucken, wegen der dreckigen Scheiben. Gestern hatte es den ganzen Tag geregnet und ich hab nur im Bett gelegen und TV gesehen. Ich hatte nicht einmal Lust, meine Idee in die Tat umzusetzen, in die Sauna zu gehen. Das wäre gut für mich gewesen, denn es war immerhin mein erster richtig fauler Tag seit ich vor einem Monat aufgebrochen bin.
Bevor ich vorgestern in die Pension des sommerlichen Skiortes zog, habe ich drei Nächte in den Bergen kampiert. Ich wollte nämlich einen guten Teil der Karpaten zu Fuss überqueren und gleich einmal mit der Besteigung des in der Umgebung höchsten Berges, immerhin 1362 m, beginnen.
Am ersten Tag wollte ich mit dem Bus ins letzte Bergdorf fahren. Dabei ließ ich mir aber zuviel Zeit (die sehr mangelhafte Verständigung trug mit dazu bei), und kam so, trotz schnellem Erfolges beim Trampen, recht spät dort an. Dadurch mußte ich fast bis Sonnenuntergang wandern, um noch möglichst nahe an den Fuss des Berges zu gelangen. Um kurz vor Tagesende keinen zeitraubenden Fehler mehr zu machen, ließ ich die Navifunktion meines Handys an, und vergaß dann wohl später, es auszuschalten, denn am nächsten Morgen war der Akku leer. Es piepste zwar zweimal in der Nacht, aber ich kapierte nicht, dass es mein eigenes Handy war, sondern hatte vielmehr Angst, dass es sich um ein Gerät eines ominösen Motorradfahrers handeln würde, der mich am Abend überholt hatte, den ich aber nicht zurück hatte fahren sehen. In Frage wäre auch noch einer der vielen Waldarbeiter mit ihren Trucks gekommen, denn ich hatte mir ausgerechnet einen „Highway“ für den Holztransport als Weg ausgesucht.Der leere Akku rächte sich am nächsten Tag als sich herausstellte, dass der ausgesuchte Weg kurz nach Verlassen des „Highways“ plötzlich nicht mehr aufzufinden war. An Umkehr dachte ich natürlich keine Minute, denn der Gipfel war ja nur drei Kilometer entfernt. Allerdings dachte ich auch nicht daran, meine Wasservorräte vollständig aufzufüllen, denn auf den Berg sollten laut Karte von der anderen Seite zwei ausgeschilderte Wanderwege führen, und durch die würde ich ja schnell wieder in die Nähe eines Baches gelangen und somit ja das Wasser umsonst den Berg hinaufschleppen.
Nun ja, der Weg stellte sich als nicht nur kurzfristig vom Wasser weggespült heraus (er endete nach einem Bach), sondern als, bis auf ein kleines, nicht überwuchertes Stück von 50 Metern, welches mir später kurz Hoffnung machte, komplett verschwunden.
Ich nahm die Herausforderung an und begann, mich über steile Hänge, Geröll, umgestürzte Baumriesen und durchs Dickicht vorzuarbeiten, wobei letzteres häufig aus Brennesseln und dornigen Brombeertrieben bestand, in denen man sich zu verfangen drohte – natürlich immer mit meinen 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken. Das dauerte selbstverständlich lange, weshalb ich gegen halb vier, also nach etwa drei Stunden, an einer geeigneten Stelle mein Innenzelt aufstellte, um mich ein wenig ausruhen zu können, ohne ständig von Fliegen und ekelhaften Stechviechern, deren Stich man häufig nicht spürte, umschwirrt zu werden. Zu dieser Zeit war ich noch immer nicht an der Stelle des nicht vorhandenen Weges angelangt, wo ich einfach nur bergauf laufen musste. Eine rechtzeitige Richtungsänderung, die auch der alte Weg gemacht hatte, war noch nötig, um nicht wieder in ein Tal hinab zu müssen und sich so einen Anstieg zu sparen. Zur Orientierung konnte ich aber nur die Ausrichtung der Hänge benutzen (einen Kompass habe ich ja), denn Wege oder Bäche gab es ja nicht. Bald nach meiner Pause hatte ich allerdings die Stelle erreicht und hatte somit ein entscheidendes Problem weniger, die Angst, durch eine falsche Entscheidung noch mehr Zeit und Wasser, welches langsam knapp wurde, zu brauchen.
Ab jetzt war bergauf immer richtig und ich verspürte auch mehr Energie, was auch auf den durch das Wasserproblem einsetzenden Adrenalinschub zurückzuführen war. Am vorgelagerten Gipfel aß ich meinen letzten Apfel und meine letzte Tomate, um das enthaltene Wasser zu mir zu nehmen, und mußte nun nur noch auf dem hier runden Grat hinaufsteigen. Um sieben Uhr am Abend erreichte ich mein Ziel und trank dort meinen letzten verbliebenen Schluck Wasser.

(Habe meinen Zielort fuer heute erreicht und sitze ab jetzt im Internetcafe. Daher gibts keine deutschen Sonderzeichen mehr. Also nicht wundern)

Zuerst wollte ich natuerlich jetzt die beiden Wanderwege sehen, denn sie wuerden die Orientierung und somit die Suche nach einem Bergbach natuerlich erheblich erleichtern. Aber bis auf ein grosses rundes Zeichen, welches, wie sich spaeter herausstellte, ihren Endpunkt markierte, war nichts zu sehen. Ich musste also wohl oder uebel auch den Abstieg nur mit Hilfe von Internet und Karte meistern, wobei ich meinen Plan der Durchquerung der Karpaten zu Fuss immer noch nicht aufgeben wollte. Ich nahm also die suedliche der beiden moeglichen Varianten und traf nach kurzer Zeit auf einen deutlich erkennbaren Weg, der allerdings oestlich fuehrte und mich somit weiter von der Zivilisation weg und dem „Rand“ meiner Karte naeher, was auch deswegen nicht gut war, weil auch meine Essensvorraete nur noch fuer ein Fruehstueck in ausreichender Menge vorhanden waren. Ich folgte dem Weg trotzdem eine kleine Weile, weil es ja moeglich gewesen waere, dass er bald seine Richtung aendern wuerde, was aber nicht passierte. Jetzt gab ich meine Hoffnung endgueltig auf, doch noch den Wanderweg zu entdecken, der alles so viel leichter gemacht haette, und stellte mich auf einen dem Anstieg vergleichbaren Abstieg ein.
Dazu musste ich nun den eben gemachten Fehler ausgleichen und westwaerts laufen, was mir dadurch vereinfacht wurde, da ja die Sonne um sieben Uhr abends genau im Westen stand. Auch sollten in dieser Richtung auf beiden Seiten des Bergrueckens viele Quellen liegen. Ich versuchte immer wieder anhand der Hangausrichtungen zu erkennen, wo auf der Karte ich mich befand, um so eine bessere Grundlage fuer meine Entscheidungen zu bekommen. Eine eindeutige Aussage war aber nicht moeglich, was zu einem grossen Teil damit zusammenhing, dass die zurueckgelegte Entfernung aufgrund der vielen zu umgehenden Hindernisse kaum abzuschaetzen war. Ich konnte also nur ungefaehr sagen, wo ich mich befand. Deshalb entschloss ich mich dann natuerlich auch, als es langsam dunkel zu werden begann, einfach bergrunter zu gehen, denn so wuerde ich auf alle Faelle Wasser finden.
Nach einigen, in dem Augenblick lange erscheinenden Minuten, begann ich auch ein Geraeusch zu hoeren, dass dieses Mal schon eher wie plaetscherndes Wasser klang und nicht wie der weit entfernt fahrende Zug, dessen Geraeusch ich zuvor des Oefteren dafuer gehalten hatte. Ich stieg weiter hinab und stiess nicht nur auf einen Bach, sondern zu meiner grossen Freude sogar auf eine Quelle. Natuerlich trank ich ausgiebig, machte mich aber dann sogleich daran, einen Platz fuer mein Zelt zu finden, den mit wenigstens etwas Tageslicht macht sich das Aufbauen einfach besser. Ich fand auch sogleich eine Stelle, wobei ich an diesem Abend natuerlich mit Freuden auf eine perfekt ebene Flaeche verzichtete, und konnte mich also endlich richtig ausruhen.Ich beschloss noch in der Nacht, waerhrend ich versuchte, nicht von meiner Isomatte zu rutschen, die „Zu-Fuss-Ueberquerung“ abzubrechen, denn es war ziemlich wahrscheinlich, da ja nicht einmal die ausgeschilderten Wanderwege zu finden waren, dass die meisten Wege auf meiner Karte nicht mehr existieren wuerden. Ausserdem muesste ich ja zudem vorher wieder in ein Hotel, um mein Handy aufladen zu koennen. Desweiteren wollte ich den naechsten Tag damit beginnen, dem Bachlauf zu folgen, um wiederum aus der Richtung meine Position ableiten zu koennen.Zu meinem Erstaunen schlief ich trotz der unbequemen Lage sehr lange und da ich auch keine Lust auf Panik hatte (man kann zwar lange ohne Essen ueberleben, aber mit 20 Kilo Gepaeck auf dem Ruecken durchs Gebirge wandern wuerde sich diese Zeit wahrscheinlich doch etwas verkuerzen), versuchte ich auch nicht das Gefuehl der Traurigkeit, dass mich am Morgen sehr stark befiel, zu bekaempfen, denn ich bin ja unterwegs, um zu lernen, dass man die Gefuehle fuehlen und nicht wegdenken soll.
Ich brach also erst um ein Uhr mittags auf und konnte sehen, dass der Bach zunaechst suedwestlich floss, was die Wahrscheinlichkeit auf der richtigen Seite des Bergmassivs zu sein erheblich vergroesserte. Nach ungefaehr einer Stunde machte er dann einen Knick in fast noerdliche Richtung und jetzt war ich mir sicher auf der richtigen Seite zu sein, denn es gab nur einen Bach auf meiner Karte, der in diesem Gebiet in diese Richtung floss. Das Glueck war wiederum auf meiner Seite, denn er sollte auch noch in das am naechsten gelegene Dorf fuehren.
Allerdings muss man sich das Vorwaertskommen trotzdem nicht leicht vorstellen, denn im Bachbett waere zwar genug Platz gewesen, um trockenen Fusses vorwaerts zu kommen, es lagen aber so viele umgestuerzte Baeume im Weg, dass das Gehen am Hang bei weitem schneller war. Hier waren dann aber auch wieder besagte Baeume, und die schon beim Aufstieg anzutreffenden Hindernisse im Weg. Zudem neigte ich bestaendig dazu bei Hindernisse eher hangauf zu gehen, um mich nach der Umgehung nicht wieder hocharbeiten zu muessen, musste aber feststellen, dass ich mich auf diese Weise sehr schnell vom Bach entfernte, da dieser ja weiterhin bergab floss. Immerhin wusste ich jetzt aber, wo ich war, obschon ich spaeter feststellte, dass ich doch an einem anderen Bach war als angenommen, denn meiner drehte immer weiter westwaerts. Beide sollten aber zusammenfliessen, also aenderte sich dadurch nichts an meiner Lage.
Etwa gegen vier Uhr entdeckte ich auf der von mir gewaehlten suedlichen Hangseite, dass immer mehr Licht durch die Baeume am oberen Rand drang. Ich vermutete ein Lichtung, auf die ich zulief, da ich im schlimmsten Fall dann eben auf den Bach im Nachbartal treffen wuerde. Die Lichtung stellte sich als eine kuerzlich gefaellte Flaeche heraus, von der aus ich das erste Mal wieder einen freien Blick auf Wiesen, eine Hochspannungsleitung und eben somit Zivilisation hatte. Fuer mich war das erst einmal ein guter Grund, sich wieder ein wenig auszuruhen. Als ich den Fortschritt mit meiner Kamera im Bild festhalten wollte, entdeckte ich am Talende der abgeholzten Flaeche eine kahle Stelle, die, wie mir schien, durchaus ein Weg haette sein koennen. Und tatsaechlich, es war nicht nur ein Weg, sondern sogar ein Weg, der ueber „meinen“ Bach fuehrte. Jetzt wusste ich zum ersten Mal seit 28 Stunden (ausgenommen natuerlich die kurze Rast auf dem Gipfel) genau, wo auf meiner Karte ich mich befand. Genau dies war auch der Augenblick, in dem mir bewusst wurde, wie sehr mein Navihandy mir mit vollem Akku haette helfen koennen. Ich haette einfach den Gipfel des Berges als festen Punkt dort einspeichern muessen und haette mit Hilfe der auf der Navikarte eingeblendeten Entfernungsskala und des angezeigten aktuellen Standortes (Hanglinien und kleine Baeche zeigt es natuerlich nicht an) meinen Standort auf der realen Karte bestimmen koennen. Mein Gehirn hatte mich also vorausschauend vor energieraubenden, kontraproduktiven Selbstvorwuerfen ob meines Fehlers beschuetzt.An der kleinen Furt angekommen ass ich meine aus einem kleinen Kanten Brot und einem ebenso kleinen Stueck Kaese bestehenden letzten Vorraete und machte eine groessere Rast, zu der ich mir eine passgenaue „Matraze“ in die Steine des hier sehr breiten Flussbettes formte. Ich wurde so froh, dass ich in meinem „Uebermut“ versuchte im Liegen mit den Steinen Ziele in der Umgebung zu treffen. Weiterwandernd konnte mich auch die, aus welchen Gruenden auch immer, vorwurfsvolle Reaktion des ersten mir entgegenkommenden Menschen, eines Mannes in seinem „Russenjeep“, nicht mehr aus der Ruhe bringen. Ich kam in das schoenste von mir bisher in der Ukraine gesehene Dorf, ein richtiges Bergdorf eben, und machte natuerlich erst einmal einen „Grosseinkauf“ im ersten „Magasin“ (also Laden), bei dem ich mir auch Bier, Chips und natuerlich ein Eis goennte, denn es war natuerlich die ganze Zeit warm gewesen und ich hatte die meiste Zeit lange Hosen getragen, um meine Beine vor den Dornen und Brennesseln zu schuetzen.
Danach suchte ich mir auf der Karte einen kleinen, etwas abgelegeneren Bach, an dem man ungestoert schlafen und sich waschen koennen wuerde. Ein Blick in den Himmel, liess mich aber diesen Plan verwerfen, denn es sah aus, als ziehe ein ziemliches Unwetter auf. Daraufhin entschloss ich mich zu einer weiteren Premiere auf meiner Reise, naemlich mitten in einem Dorf zu zelten, wodurch mich die benachbarten Haeuser und ihre Bewohner im Zweifelsfall vor einem versuchten Raub beschuetzen sollten. Dazu eignete sich eine freie Flaeche am Fluss (denn mittlerweile war mein Bergbach zu diesem geworden, denn ich hatte ausgerechnet die Quelle dieses Flusses entdeckt), wo die Bauern ihre Kuehe weiden lassen und auch Kinder im Fluss spielten. Da ich in der Ukraine besonders mit Kindern gute Erfahrungen gemacht hatte, erschien mir das als gutes Zeichen. Wie ich noch am Abend mit Hilfe meines Kompasses herausfand, konnte ich sogar direkt von meinem Zelteingang den Gipfel „meines“ Berges sehen. Was brauchte ich mehr?
Diese Nacht allein unter Menschen hatte, wie man sich vorstellen kann, wieder ihre ganz eigene Wirkung auf mich (ich schlief auch nicht viel), aber auch dass jetzt noch zu schildern wuerde den Rahmen entgueltig sprengen. Ohnehin moechte ich hier noch einmal den Leser auffordern, mir einmal seine oder ihre Meinung ueber meinen Schreibstil mitzuteilen.
Ich werde mir jetzt, um dreivierteldrei hiesiger Zeit, ein richtig billiges Zimmer suchen, „denn da steh ich drauf“, und wahrscheinlich einmal dieses Tipptopp-Internetcafe nutzen, um meine Seite noch ein wenig aufzupeppen (sollte alles klappen auch mit ein paar weiteren Bildern) und endlich einmal ein paar der gemachten Bilder zu sichern.

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