Eine Theorie

Der Mensch überlebt in der Gruppe. Er ist nicht gern allein, weil das so ist. Um sich in die Gruppe zu integrieren, übernimmt er das Verhalten der anderen Gruppenmitglieder, und zwar zuerst und (bei mir) an erster Stelle das seiner Mutter.
Psychologisch nennt man das Spiegelung – lächelt „Mama“ ihr Baby an, lächelt es zurück. Dieser Prozess ist vielleicht so angelegt, dass er so lange andauert, bis sich wenigstens ein kleiner Erfolg einstellt, dass also in diesem Falle die Gruppe mitsamt ihrem vorerst wichtigsten Vertreter, der Mutter, das neue Wesen als Gruppenmitglied akzeptiert.
Wenn die Mutter sich dem Baby gegenüber abweisend verhält, wird es dementsprechend schwierig, denn das Baby kann die Mutter als einzigen vertrauten Menschen nicht abweisen. Die erste Folge kann sein, dass auch das Kind sich abkapselt, da es außer Geschrei über keine Mittel verfügt, sich auszudrücken, da ja das Ergebnis der Spiegelung in diesem Fall nur eine der Umwelt gegenüber skeptische und misstrauische Einstellung sein kann, ihm also keine Mittel zur Verfügung stellt, anderen positiv entgegenzutreten.

(Meine Mutter ist aufgestanden. Ich höre undeutlich ihre Stimme aus der Küche. Mein Geist verengt sich sofort und meine Haltung fällt in sich zusammen. Ich muss mir klar machen, dass…wäre hier vorgegriffen.)

Der Wille, sich zu integrieren bleibt ungebrochen, solange ein Minimum an Zuwendung erfolgt. Ein Teil davon wird wahrscheinlich oft schon unweigerlich bei den alltäglichen Verrichtungen wie füttern, windeln und ins Bett bringen erreicht. (In diesen Punkten hat meine Mutter garantiert ihr Bestes gegeben.)
Bleiben die Beziehungen unter den Familienmitgliedern konstant, ändert sich nichts an der Gesamtsituation: was die sicheren Bindungen betrifft, hat das Kind vorerst ein Defizit.
Eine neue wichtige Phase beginnt, wenn das Kind sprechen lernt, denn nun betritt es langsam die Welt des Verstandes. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass gerade Menschen, die nicht in der Lage sind ihre Gefühle, und damit auch ihre Aggressionen, der Welt mitzuteilen, in diesem Punkt sehr rigoros sein können. Kann ich mich nicht durchsetzen, so bin ich doch wenigstens schlauer, und bei welcher Gelegenheit könnte man das besser ausspielen als bei jemandem, der das Denken gerade erst lernt.
Im hier angenommenen Fall wird das Kind meiner Meinung nach nicht einfach nur die Ansichten der Eltern übernehmen, sondern es kann jetzt dazu kommen, dass mittels einer besonders tiefen Unterwerfung unter der Willen der Eltern versucht wird, ein mehr an dringend benötigter Sicherheit zu erlangen. Da das Kind intelligent ist, da es in diesem Punkt gefördert wurde, da die Eltern dies als sehr wichtig erachten (siehe oben), wird es bald herausfinden, was in welcher Situation von ihm erwartet wird.
Lehnt das Kind sich gegen den Willen der Eltern auf, fällt es sofort auf den Zustand der emotionalen Unsicherheit seiner ersten Jahre zurück, was natürlich sehr unangenehm ist. Sobald es sich wieder unterordnet, hat es auch wieder ein mehr an Sicherheit. Die logische Konsequenz ist die fast permanente Unterordnung, sollte kein anderer Erwachsener sich des Kindes annehmen und auch gegenüber den Eltern für es einstehen.
Wird dieser Prozess nicht durchschaut, so kommt es wie bei mir dazu, das selbst ein erwachsener Mann in den Augen der anderen rückgratlos, unterwürfig, ein Schleimer wird, sobald er sich unsicher fühlt. Das Verhalten, mit dem er in seiner Kindheit überlebt hat, richtet sich dann gegen ihn, denn nichts macht einen Mann unsympathischer.

(…ich kein Kind mehr bin. Ich eine eigenständige Persönlichkeit bin. Ich die Kraft habe, ganz alleine Schwierigkeiten zu bestehen.)

Die größte Schwierigkeit bei der Überwindung besteht im Augenblick darin, zwischen berechtigter Wut und anklagendem Hass zu unterscheiden, denn mit letzterem mache ich meine Mutter verantwortlich und begebe mich in eine Abhängigkeit von ihr, die nichts bringt, denn sie kann und wird meine Probleme nicht lösen.

Ich selber bin verantwortlich. Ich bin allein damit, aber ich habe die Kraft.
Die Kraft für eine Reise ganz allein ins Herz des Unbekannten – eine Reise nach Afrika.

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